“Da ich den Herrn fürchte, zögere ich, Dinge zu lehren, die Kohlen auf dem Feuer gleichen, denn selbst unwissentlich begangener Irrtum wiegt wahrlich gleich schwer wie Bosheit… Ich zittre vor dem Zorn der Eiferer, die arm sind an Wissen, gefangen in den Ketten böswilliger Dummheit…”
(Nachman Krochmal)

HOLOCAUST DENKMAL BERLIN
von Gabor Török, Frankfurt am Main

Jedes Denkmal ist neben seiner inhaltlichen Bedeutung immer auch persönlicher Ausdruck des Künstlers. Daher ein paar wenige Worte zu meinen Beweggründen, ein solches Denkmal zu entwickeln.

Ein Holocaust Denkmal zu entwerfen ist für mich eine persönliche Herausforderung, weil zu meinen Freunden sowohl Deutsche als auch Juden zählen. Daher kenne ich beide Seiten und merke, daß sie manche zwischen ihnen liegende Spannung nicht aussprechen können. Ich selber bin weder Jude noch Deutscher, sondern in Budapest geboren und aufgewachsen. Seit elf Jahren bin ich deutscher Staatsbürger. Achtzehn Jahre lebe ich bereits in Deutschland und kenne als Künstler die Gesellschaft in all ihren Facetten. Angefangen habe ich als normaler Asylant, ganz unten, und heute kenne ich auch “oben”. Unterschiedliche Probleme und Ansichten sind mir vertraut. In Bezug auf den Holocaust war ich immer von meinen Gefühlen geleitet. Und irgendwann begann ich mich zu fragen, warum ich - wie die meisten anderen Menschen auch - diesbezüglich so starke Emotionen habe, ohne die Hintergründe wirklich zu kennen..

Denkmäler unterliegen immer einer gewissen Problematik. Sie entstehen meist zur Erinnerung an eine Person oder ein Ereignis. Die gesellschaftliche und politische Situation zum Zeitpunkt ihres Entstehens ist meist anders als zu späteren Zeiten. Sie ändert sich ebenso wie der Kunstgeschmack. Der Ort bleibt, aber das Wissen über die Geschehnisse und auch der Grad der persönlichen Involvierung wandelt sich.

Will man ein Denkmal entwerfen, muß einem dieses bewußt sein. Das Denkmal sollte allgemein gültig und verständlich sein, sonst besteht die Gefahr, daß es vergessen wird oder als Klischee weiter lebt und schließlich schlimmstenfalls für politische Zwecke mißbraucht wird.

Der Holocaust ist nicht einfach auf eine Kriegssituation zurückzuführen oder “einfach” mit der Tatsache der Ermordung von sechs Millionen Juden abzuhaken. Jeder dieser sechs Millionen Menschen mußte für sich selber sterben; jeder ist ein einzelner, grausamer Tod.

Nach mehr als fünfzig Jahren Abstand zum Holocaust hat sich unsere Einstellung zu Religion, Gesellschaft, Kunst und Kultur vollkommen verändert. Inzwischen sind zwei Generationen nachgekommen. Es gab zahlreiche Versuche, das Thema bildlich zu verarbeiten - immer aus der jeweiligen Sicht, aus der jeweiligen Aktualität, vom jeweiligen Ort. Meist konzentrierte man sich dabei auf den ungeheuern Schmerz, das Verbrechen, die Wunde. Nicht jedoch auf die Krankheit oder den Erreger. Aus der jeweiligen Sicht ist dies korrekt gewesen, aber jetzt ist die Situation eine andere; in den vergangenen fünfzig Jahren hat sich manches geändert.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ist der Krieg erst endgültig vorbei. Die Vergangenheit läßt sich nicht mehr ändern, wir müssen mit ihr leben. Unsere Aufgabe heute ist die Verantwortung für die Zukunft.

Ein heutiges Holocaust Denkmal in Berlin darf auf keinen Fall politischen, religiösen oder privaten Interessen dienen. Es darf keinesfalls falsche Rücksicht auf persönliche Gefühle nehmen. Es darf nicht die Erwartungsgefühle der Juden befriedigen oder das Pflichtgefühl der Deutschen bedienen nach dem Motto “das haben wir hinter uns”. Wahrscheinlich wird es das letze Holocaust Denkmal in Berlin sein. Daher muß es sich auf das Wesentliche konzentrieren, nicht manipulierbar und leicht verständlich sein. Dieses Denkmal hat den Anspruch, alle Lasten und Schmerzen unter Beibehaltung der Pietät zu beinhalten und von Deutschland aus mit symbolischen Charakter in die Zukunft weisen.

Es ist vermessen zu glauben, das menschliche Leid könne künstlerisch ausgedrückt werden. Die Zahl 6 Millionen ermordete Juden wirkt heute fast wie ein Klischee und drückt nichts über das persönliche Leid und die psychische Belastung der Opfer und Ihrer Nachkommenden aus. Daß “die Deutschen” diese 6 Millionen Juden ermordet haben, ist ebenso ein Klischee und sagt nichts über die Psyche der Täter.

Eine runde, ungenaue Zahl animiert zu pauschalisieren, wird zum Klischee und schließt die Überlebenden, die “nur” ihre Kinder, Mutter etc. verloren haben oder als seelische Krüppel weiterleben müssen, aus. Um die Wirkung des Holocaust auf uns heute zu verstehen, ist es notwendig eine Situation, ein persönliches Schicksal zu untersuchen und zu begreifen. Vor mir liegt eine Photographie, auf der einer Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm gerade aus nächster Nähe von hinten in den Kopf geschossen wird. Somit sind vier Personen involviert: das Kind, die Mutter, der schießende Soldat und der Photograph.

Was diese Mutter mit dem Kind auf ihrem Arm in diesem Moment fühlt, ist unvorstellbar. Es als Kunstwerk ausdrücken zu wollen, wäre die pure Arroganz.

Die Rolle der anderen - der schießende Soldat und der Photograph - ist es nicht wert, sich damit künstlerisch zu beschäftigen.

Ein ähnlicher Ansatzpunkt ist folglich auch für ein Denkmal ungeeignet.

Der Tod der sechs Millionen Juden gehört der Vergangenheit an, aber der Erreger des Antisemitismus ist latenter Bestandteil unserer Gesellschaft. Wir müssen aufpassen, daß es gelingt, den Holocaust nicht als Geschichte “abzulegen”, sondern seine Allgegenwart zu zeigen - auch dann wenn die letzten persönlichen Erinnerungen nicht mehr bestehen. Der Unmensch im Mensch wird weiterbestehen und es wäre töricht zu glauben, ein Holocaust könnte nie wieder entstehen.

Der Holocaust ist das Endergebnis eines langen Prozesses und keine plötzliche Überreaktion. Das oben beschriebene Photo zeigt die Endstation dieser Entwicklung: Viel tiefer kann der Mensch nicht fallen.

Eines können wir nicht tun: den Seelenzustand der ermordeten Frau nachvollziehen. Wir können nur aus dem Blickwinkel der Überlebenden, der Täter und deren Nachkommen erinnern. Bei der Betrachtung der Photographie spielt es eine wesentliche Rolle, aus welchem Blickwinkel wir sie betrachten: Wenn der schießende Soldat - der Mörder - mein Vater gewesen wäre, wollte ich dies so schnell wie möglich vergessen. Schließlich habe ich damals nicht gelebt und kann überhaupt nicht nachvollziehen, was ihn dazu gebracht hat, dies zu tun. Ich prüfe mich ein Leben lang ob ich ähnliche Attitüden habe. Meinen Kinder erzählte ich es wohl kaum, da ich sie nicht belasten wollte. Ganz anders jedoch sieht es aus, wenn die Frau auf dem Bild meine Mutter, das Kind in ihrem Arm mein Bruder gewesen wäre. Nie könnte ich es vergessen und würde nicht aufhören, es meinen Kindern und Enkeln wieder und wieder zu erzählen.

Jeder dieser Standpunkte ist menschlich und nachvollziehbar, keiner ist originär deutsch oder jüdisch. Kein halbwegs intelligenter Deutscher, der einigermaßen selbstkritisch ist, kann heute mit Sicherheit sagen, ob er nicht doch mitgemacht hätte. Dem gegenüber steht das Gefühl des heutigen Juden, der sich so mit der Rolle der Verfolgten identifiziert, daß er ständig eine Bedrohung zu spüren glaubt. Schließlich war allein die Tatsache Jude zu sein - und genau diese erfüllt er auch heute - schon Anlaß zur Verfolgung. Somit sind beide Seiten vorbelastet, doch diese Last tragen sie auf sehr unterschiedliche Weise.

Antisemitismus war immer Teil der christlichen Geschichte. Ob Glaube oder Aberglaube - der Antisemitismus bestand, besteht und wird weiter bestehen, wir können diese Tatsache nicht einfach ignorieren oder gar ändern. - Das Judentum hat überlebt. Es lebt durch eigene Gesetze, Sitten, Moral und Kultur. Damit entsteht für die in Deutschland lebenden Juden eine besondere Situation. Sie sind Deutsche und dennoch leben sie in ihrer Gemeinschaft als Juden.

Reden jedoch Deutsche über Juden, die der deutschen Kultur, Wissenschaft oder Politik Ehre gemacht haben, wird über diese Ambivalenz nicht gesprochen; plötzlich ist nurmehr von Deutschen die Rede.

Sprechen Juden über Deutsche oder Deutsche über Juden wird das “Anderssein” der anderen jeweils nicht gerade vorteilhaft hervorgehoben. Dabei hat dies meist gar keine persönlichen Gründe, sondern entspricht einem tradiertes Verhalten.

Dies ist zwar eine grobe Verallgemeinerung - aber dennoch glaube ich, daß sie wahr ist.

Die Menschen sind nicht alle gleich und dieser Zustand wäre auch kein erstrebenswerter. Die Unterschiede machen das Leben lebenswert. Und dennoch bergen sie auch eine Gefahr in sich. Der Holocaust und das Böse im Allgemeinen baut auf diese Unterschiede. Somit ist es allgegenwärtig und bedarf gar keiner besonderen Situation, um zu entstehen. Oft erscheint das Böse in Form einer “glänzenden” Idee, im dritten Reich wurde dies hinreichend propagiert. Eine der wichtigsten Aufgaben des Menschen ist, das Böse zu erkennen. Das Böse schärft unsere Sinne. Solange es still steht, können wir es aushalten. Doch kommt das Böse erst einmal ins Rollen, können wir es nicht mehr aufhalten. Die rollende Masse richtet eine ungeheure Zerstörung an. - Daher müssen wir das Böse bekämpfen, bevor es ins Rollen kommt.





Beschreibung des Denkmals

Das Denkmal besteht aus drei Teilen: Auf einer hohen, oben abgeschrägten Betonsäule steht eine große glänzende, schwarze Granitkugel, die nach unten zu rollen droht. Ein dazwischen geschobener Keil aus Edelstahl verhindert das. Dennoch bleibt ein Gefühl der Instabilität.

Das Denkmal wirft einen Schatten in Form eines Ausrufezeichens. (!)

Die Kugel symbolisiert das Böse. In ihrer perfekten Ästhetik wirkt sie unnahbar. Ebenmäßig, glatt und glänzend scheint ein innerer Druck in ihr zu herrschen. Die Oberfläche ist gespannt, alles perlt an ihr ab. Sie ist schwierig zu fassen. Die Kugel ist Ausdruck der Perfektion: Schöne Menschen, polierte Stiefel, perfekte Kundgebungen, überzeugende Propaganda …

Das Material Granit steht für “die ewigen Werte”, die letztlich zu Gräbern geworden sind …

Schwarz ist die Farbe der Dunkelheit, der SS-Uniform, des Todes …

Die runde Form hat keinen Anfang und kein Ende. Das Böse war, ist und wird sein.

Das Gewicht, mehrere Tonnen, verkörpert die Last, die die Nachkommenden zu tragen haben.

Der Keil bildet die Gegenkraft: Vernunft, Gewissen, Zivilcourage …

Der kleine Keil kann die große Masse halten, weil sie stillsteht. Kommt sie jedoch einmal ins Rollen, gibt es kein Halten mehr …

Die hohe, schlanke Säule steht für die Opfer, die die Last des Bösen zu tragen gehabt haben. Der rauhe Beton, zusammengesetzt aus unendlich vielen kleinen Steinen, kontrastiert die polierte Kugel. Im Gegensatz zu Atlas, der in der griechischen Mythologie ganz allein die Welt trägt, müssen wir begreifen, daß wir nur im Zusammenhalt von vielen - von vielen Millionen von Menschen - die Last tragen können.

Damit das Persönliche in dieser Masse nicht verloren geht, trägt die Säule auf jeder Seite eine immer gleiche Inschrift; allerdings in verschiedenen Sprachen: Hebräisch und Deutsch:

ICH - MEIN
DU - DEIN
ER, SIE, ES - SEIN
WIR - UNSER
IHR - EUER
SIE - IHR

Dieses Denkmal wird ein aktives Denkmal: Von den Keilen werden hundert Stück mit den Jahreszahlen der nächsten hundert Jahre produziert. Jedes Jahr, an einem bestimmten Tag, wird der Keil ausgewechselt und somit das Gedenken wachgehalten. Der ersetzte Keil sollte einer Person oder Institution zukommen, die sich im Widerstand gegen das Böse verdient gemacht hat.

Die an einem passenden Ort aufbewahrten Keile werden von Jahr zu Jahr weniger. Sie wirken wie eine Uhr, deren Ticken darauf hinweist, daß der Countdown läuft: Das Böse ist allgegenwärtig



Wir müssen aufpassen!

- Gábor Török, Frankfurt/ Main im Juni 1997 -