Grundgedanke der Skulptur im Zusammenhang mit der modernen Architektur der Kirche war, den Charakter und die Symbole des Erzengels Michael auszudrücken, ohne sich an traditionelle Bildvorstellungen anzuschließen. Es entstand so eine Form, die in ihrer schwungvollen Geste zwischen Himmel und Erde vermittelt. Bei der Skulptur dominiert die Vertikale, das aufwärts Strebende: die Kraft des Glaubens. Die Vertikale ist jedoch nicht geradlinig ausgeführt, sondern gleicht einem Schwert, das blitzartig aus dem Himmel in die Erde fährt, wobei sich auch die Vorstellung eines Kreuzes ergibt. Je nach Blickwinkel halten sich das christliche Kreuz und ein Quadrat, das als Tor zum Himmel gesehen werden kann, die Waage. Hier entscheiden sich die Geschicke des Menschen, geht der Weg nach oben „ins heilige Licht“ oder nach unten in die ewige Verdammnis. Zugleich wird die Vorstellung von einem Schlüssel geweckt, der dieses Tor öffnen kann. So vereint diese künstlerische Auseinandersetzung alle wesentlichen Symbole, die mit der Figur des Erzengels Michael in Verbindung stehen: das Kreuz, das Schwert, die Waage, den Blitz, das Himmelstor und den Schlüssel, um das Tor aufzuschließen.

Der Erzengel

Michael, ranghöchster Erzengel und Schutzpatron der katholischen Kirche in Niederrodenbach, ist nach der Überlieferung jener Engel, der noch vor Erschaffung der Welt Luzifer aus dem Himmel stürzte, später Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb und den Lebensbaum bewachte. Michael teilte das Rote Meer beim Auszug aus Ägypten und führte das Volk Israel ins gelobte Land. Beim Jüngsten Gericht soll er Satan endgültig besiegen und die Seelen „ins heilige Licht führen“. Sein Name stammt aus der hebräischen Überlieferung. Auch der Koran kennt den heiligen Michael der jüdisch-christlichen Tradition. Die letzten Worte, die Satan vor seinem Sturz vom Erzengel hörte, sollen „Wer (ist) wie Gott?“ gewesen sein – eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Mi-ka-el. St. Michael war auch der Schutzherr des Heiligen Römischen Reiches. Sein Gedenktag ist der 29. September, seine Kennzeichen sind das Schwert und die Waage.

Zum Erzengel Michael bei seiner Kirche in Niederrodenbach:

Das Kunstwerk - seine Rezeption durch die Kirchgemeinde

" ... Es ist Zeit mich dem neuen Kunstwerk zuzuwenden. In der Form besticht es durch seine Eleganz durch sein Verhältnis zum Kirchbau wie zu ihm gehörend und doch klar von ihm unterschieden geradezu von theologischer Ästhetik. Wie sagt doch das Christusdogma von Chalkedon aus dem Jahre 451? Die beiden Naturen Christi, die menschliche und die göttliche, sind nicht vermischt miteinander und nicht getrennt voneinander. So präsentieren sich nun der vor 25 Jahren errichtete Bau und die neue abstrakte Skulptur, die wir gerade enthüllt haben, nicht vermischt miteinander und nicht getrennt voneinander.

Nicht wenige in der Gemeinde und auch außerhalb von ihr hätten lieber einen Engel in menschlicher Gestalt mit Flügeln gesehen. Das ist verständlich. Aber Engel sind eine rein geistliche Wirklichkeit. Es war Michelangelo, der ihnen schon die Flügel weggenommen hat. Auf seinem Fresko des Jüngsten Gerichtes stellt er sie alle so dar: ohne Flügel als nackte männliche Figuren. Um zu zeigen, dass sie nicht materieller Natur sind, und daher nicht leiden können, gibt er einen Engel , der auf dem Kreuz Christi seinen Platz finden wollte, aber vom Holze abgleitet, da er ja keinen Körper hat und nicht leiden kann.

In unserer Zeit, seit dem letzten Jahrhundert sind die Künstler einen Schritt weiter gegangen. Es war Paul Klee, der mit seinen Zeichnungen im Bauhaus den Engeln eine abstrahierende strichförmige Gestalt gegeben hat. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden dann ganz abstrakte, in der Sonne glänzende Metallfiguren, welche die Erzengel Gabriel und Michael wiedergeben vor der Kathedrale der Egelstadt Puebla de los Angeles in Mexiko aufgestellt. Rein geistige Wesen haben kein Gesicht, haben keinen Körper und schon gar nicht Flügel. Am ehesten kann durch abstrakte Formen auf sie hingewiesen werden. Das wird die Überzeugung von Künstlern. Freilich sind sie Propheten und nehmen schon die kommende Zeit voraus.

Was sollen wir also denen sagen, die an den alt hergebrachten Formen hängen und sie in ihrem religiösen Leben nicht missen mögen? Es sind drei Antworten zu geben. Kunst will nicht nur gefallen, sondern Anstöße zum Denken geben. Wer ausschließlich im Alten und Hergebrachten bleibt, isoliert sich früher oder später und verschließt sich dem Leben, das immer Herausforderung und Kommunion mit dem noch Ungewohnten ist. Schließlich ist Gott selbst immer neu in alle Ewigkeit.

Es gibt alte und immer wieder überraschend neue Kunst und Gott bedient sich beider, um sich uns kundzutun. Auch die Kunst der Vergangenheit hat so eine wichtige Funktion wie die Statue an der Fassade von St. Michael in München, von der ich zu Anfang gesprochen habe. Die immer neu zu schaffende Kunst ist für den Betrachter eine Herausforderung und eine Einladung zugleich, sich weiter zu öffnen und sich bereichern zu lassen.

Unsere neue Figur ist Ausdruck einer neuen Evangelisierung, zu welcher der Ruf „Wer ist wie Gott?" unbedingt dazugehört. Sie ist auch Gespräch mit denen, die Kardinal Ravasi im Vorhof der Heiden angesiedelt hat, und mit denen er immer wieder den Dialog sucht. So kann wohl mancher ein Gemeindemitglied danach fragen, was es mit dieser abstrakten Skulptur auf sich hat, und schon kommt ein fruchtbares Gespräch in Gang und dabei kann der Gefragte auch ein lebendiges Zeugnis seines Glaubens geben."

 Prof. Heinrich Pfeiffer, SJ.